Wir digitalen Dienstleister sind besessen von Formaten. Live Video ist auch so eins – wiedergeboren aus der technischen Möglichkeit per Smartphone App Bild und Audio live ins Internet übertragen zu können.

Akamai und WebEx gibt es ja eigentlich schon immer (seit 1998). Noch nicht so lang Smartphones, in denen «live» quasi eingebaut wurde. Gerade Apple und Google mochten aber nicht recht glauben, dass das noch der neue Hype wird (siehe hierhierdort und gähn).

Der neue, feine Unterschied zum Videochat, den Investoren nun entdeckt haben, besteht darin, dass er öffentlich erreichbar ist: Jeder kann jeden Livestream anschauen. Oder extrem viele Menschen einige wenige, sehr beliebte «Streamer».

Dadurch wird Live Videostreaming für Werbung interessant. Und aus diesem Grund pumpen die Werbefinanzierten (Fb, Tw, Google) und weitere mutige Investoren nun Geld in Plattformen wie Periscope, Streamup oder Hang /w. Und darum ist das jetzt auch wieder ein Thema für uns.

Ein weiterer Ozean aus Anarchie und Blödsinn

Bevor das Thema bei mir Hinterwäldler so richtig ankam sind die ersten Live Video Portale wie Meerkat oder Blab schon wieder offline. Shaap Puri von Blab fasst den Grund kurz zusammen:

Most live streams suck.

Er weiss inzwischen, dass 99% aller Live Videostreams nicht interessant genug sind, um erwachsene Menschen von der Arbeit abzuhalten. Oder solche als wichtiges Element ihrer Arbeit ansehen. Dafür würden nämlich grossartige Inhalte benötigt. Mit dem Zusatz, dass diese genau in dem Moment entstehen sollten, wo sie ausgestrahlt werden.

Ein Blick in die Statistik zeigt: Die besten Autoren, die bei Blab relevante Inhalte live verbreiteten waren im Durchschnitt 2h pro Woche auf der Plattform. Dagegen 5-6h pro Tag solche, die einfach nur mit Freunden live abhängen wollten. Das erinnert stark an Youtube. Daran könnten sie sich also die Zähne ausbeissen. Oder das ganze Thema einfach den Kids überlassen.

Alle grossen Plattformen (Facebook Live, Periscope, Streamup, Hang w/, Stringwire, Houseparty, Twitch..) setzen deshalb auf die Jugendbewegung, Games und Rock’n’roll. Und Sport. Was bedeutet, dass einigermassen seriöser Inhalt in einem Ozean aus pubertierendem Humor untergehen wird. Sollten wir dann ebenfalls hingebungsvoll dämlich und laut sein? Viel Erfolg und grosses Budget für das Bewerben des Termins wünsche ich. Oder glauben wir wirklich, dass sich irgendjemand das alberne Zeugs später als Aufzeichnung anschauen wird?

Unmittelbarer Schein und eigentliches Sein

«Live Video» ist theoretisch natürlich geeignet, um ein Unternehmen und seine Produkte zum Beispiel «echter» wirken zu lassen. Praktisch ist es ein Format, um sich glaubwürdig lächerlich zu machen, fragen sie Sean Spicer für die Details.

Alles, wirklich ALLES, was vor einer Kamera passiert, hat mit «in Szene setzen» zu tun (siehe: Medientheorie). Ein «authentischer» Live Event ist daher eine besonders anspruchsvolle Inszenierung, weil es seine Inszeniertheit verbergen muss, um nicht nur wirklich sondern auch «echt» zu erscheinen. Dafür müssen ungeplante, überraschende und zufällige Elemente bewusst integriert und unter Kontrolle gehalten werden können. Zum Beispiel kritische Nachfragen. Das bedeutet einige Verantwortung für den oder die Menschen vor der Kamera. Glücklicherweise gibt es aber ein paar erprobte Eigenschaften, die manche Menschen «authentischer» als andere wirken lassen:

  • Charisma, Schönheit, Anmut
  • Deutliche Aussprache
  • Mut zum Risiko
  • Fähigkeit zum Multitasking
  • Spontaneität, Improvisationskunst, Let go

Sie sind das nicht? Gehen sie besser früher als später auf Suche.

Seriöse Marketer können jetzt also beruhigt ihre Mediaagentur anrufen und so schnell wie möglich Displays auf FacebookLive etc. platzieren lassen, um auf kontrollierbare Weise dabei zu sein. Den anderen sei gesagt: Es gibt ein paar exzellente Möglichkeiten, mit Bewegtbild Immersion und grosse Gefühle entstehen zu lassen, ohne gleich live gehen zu müssen. Für mich gilt das aber natürlich nicht, ich liebe Live Shows!