Banken verstecken die Gebühren, von denen sie leben, gerne vor Google. Wieviel ein Raiffeisen Geldbezug bei einem Bancomaten der Postfinance kostet? Auf der Webseite finde ich das nicht. Anders die Bank Coop, die jetzt zu Cler (rätoromanisch für klar) umbenannt wurde. Sie schrieb die Kosten direkt ins HTML und nicht in ein PDF. Sie nahm keine Provisionen an, um glaubwürdig zu bleiben, sie publizierte jährlich die Gehälter von Bankrat und Geschäftsleitung.

Mit transparenter Information reagierte die Bank Coop passend auf das wachsende Misstrauen der Menschen gegenüber Finanzdienstleistern. Darauf hätte auch die Bank Cler aufbauen können. In der Kampagne für die Umbenennung der Bank versuchen die Verantwortlichen aber anders zu argumentieren. Sie setzen Transparenz mit Mut zur Offenheit gleich, die sie auch von Ihren zukünftigen Kunden fordern. Das missrät in der Plakatkampagne. Sie veranschaulicht, wie gefährlich es ist, veraltete Werber-Rezepte auf Menschen anzuwenden, die gelernt haben, sich gegen hohle Behauptungen zu wehren.

Bank Cler: «Wir reden offen über Geld»

«Offen» liest sich, als wenn mein Hausarzt mir verspricht, ab jetzt frei und ungezwungen über Krankheiten zu sprechen. Da würde ich befürchten, dass er meine Krankengeschichte bald nicht nur offen, sondern öffentlich erzählt.

Bank Cler Plakat

Dagegen gibt es glücklicherweise Gesetze und ich weiss, dass mein Arzt sie respektieren wird. Ebenso meine Anwältin und auch mein Bankberater werden schweigen. Warum sollen dann alle anderen «offen» über Geld reden müssen? Redet man anderswo etwa offener über Themen, die unser Ansehen, berufliche Existenz oder Beziehung bedrohen? Nein.

 

Cler ist neu, die Alternative Bank gibt es seit 1990

Cler, Heimat Zürich und Scholtysik & Partner sahen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Wie sonst konnten sie so leichtfertig sein, im Jahr 2017 mit viel Geld «neue Bank» in die Welt zu rufen? Auf der Website rafft Cler sich eine halbe DIN-A4 Seite lang für eine schlampige Begründung auf. Zusammenfassung: Cler hat erkannt, dass Bankkunden Anständigkeit, Klartext und soziale Verantwortung vermissen. Abgesehen davon, dass ich das von jeder Kantonalbank erwarte: die Alternative Bank Schweiz gibt es seit 1990.

 

Auch sonst erkenne ich nirgendwo ein Differenzierungsmerkmal. Bleibt der Claim «Zeit, über Geld zu reden», der durchaus mit soliden Inhalten zu füllen gewesen wäre. Beratung kostet Zeit, Bank Cler nimmt sie sich, die gibt es aber nicht umsonst, darum… — zum Beispiel. Sie hätten uns andere glaubwürdige und spannende Wahrheiten über Finanzen mitteilen können. Stattdessen bekommen wir eine «Transparenzoffensive» präsentiert:

Bank Cler Plakat, das ihren Marktanteil steigern helfen soll

Die Bank Cler will mehr Kunden und mehr Prestige und fordert uns deshalb zum Smalltalk über unsere Geldsorgen auf. Als Beweis der eigenen «Offenheit» veröffentlicht Cler auf Plakaten die Preisliste des Plakatflächen-Vermieters. Mehr Selbstbezogenheit, mehr Marketing-Innensicht geht nicht.

Oder doch?

«Über Geld spricht man nicht, oder? Wir sehen das anders, denn wir sind eine andere Bank. Eine neue Bank. Und wir reden über Geld. Denn über Geld zu sprechen ist die Voraussetzung, um Lösungen zu finden, Entscheidungen zu fällen – und Klarheit zu schaffen.»

Ich bitte um Aufklärung: Welche Bank spricht nicht über Geld mit mir?

Was das mit alles einer «neuen Bank» zu tun hat? Nichts, aber es ist eben «Zeit, über Geld zu reden». Und digital zu sein. War für die «alten» Bank Coop Kunden bisher also alles schlecht? Cler erweckt den Eindruck.

Bank Cler behauptet den Tabubruch

Der Grund: Bank Coop gehört jetzt ganz der BKB

Erst auf der Webseite erfahren wir, warum das kam, wie wir es jetzt bestaunen: Die Basler Kantonalbank hat die Bank und alle Kunden übernommen. Coop ist raus, Superpunkte gibt es trotzdem. Das ist eine gute Nachricht, denn die BKB ist eine Kantonalbank, die wie Coop für Transparenz einsteht. Weil das zusammen passte, war sie bereits Mehrheitseigner. Bei der Bank Cler gibt es weiterhin keine Retrozessionen (Provisionen). In der neuen Website sind Gebühren-, Zins- und Honorare schnell ersichtlich. Die Offenlegung der Vergütung von Bankrat und Geschäftsleitung wird es weiter geben. Das ist viel im Vergleich.

Die Bank Cler ist deshalb im besten Sinne nicht «neu». Das erzählt sie aber leider nicht. Statt einen halbherzigen «Tabubruch» vom Reden über Geld zu inszenieren hätte Cler besser die Fakten erläutert: Wir brauchten einen neuen Namen, aber unsere Werte bleiben die gleichen. Diese Kommunikationsaufgabe ist den Verantwortlichen vielleicht zu langweilig erschienen.